Gedichte

Traum vom Ersticken der Abschieber

von Erich Fried (1921-1988)


Zu sagen „Unsre Politiker tragen viel Schuld“
ist zu abstrakt. Da hat man noch zuviel Geduld
Nein, stellt euch diese Minister, Staatsbeauftragten, Landesväter
vor als das, was sie sind, als Schreibtischtäter

Denn wenn man linke Libanesen ausliefert an Falangisten
dann empfangen die sie wie einst Kaiser Nero die Christen
dann werden Türken und Kurden an ihre Behörden zrückgegeben
dann weiß man auch nicht, wieviele das überleben

Nun nehmt an, jeder, den sie hier abgeschoben haben
in seinen Tod, der würde dann nicht begraben
sondern wieder zurückgebracht und man legte dann ihre Leiber
auf die Schuldigen an ihrem Tod, auf ihre Vertreiber

So daß ein Innenminister, der sie auf dem Gewissen hat, nicht
länger mehr atmen könnte unter ihrem Gewicht
Und ein Bundeskanzler? – Soviel Leichen fielen auf den
Man könnte ihn unter den Toten gar nicht mehr sehn

So sähe das konkret aus, denn so liegen leider die Dinge
So wäre das, wenn ein Traum in Erfüllung ginge

 

In: Unverwundenes. Liebe, Trauer, Widersprüche
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009

Unruhig

von Ferhad Haydari


Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen meines Landes,
weil es noch immer Krieg gibt,
wegen meiner Staatsangehörigen,
weil sie noch immer leiden.

Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen der Mütter, die weinen,
weil ihre Kinder
im Krieg getötet werden,
wegen der traurigen Lieder,
weil die Menschen
von ihren Wunden singen.

Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen der reinen Herzen,
die längst gebrochen sind,
wegen meiner liebevollen Mutter,
weil sie im Krieg gefallen ist.

Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen des Himmels voller Sterne,
weil alle Sterne sich verstecken,
wegen der lieblichen Kinder,
weil sie noch ihre Mütter suchen.

Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen der Menschen auf der Welt,
die Selbstmord begehen,
weil sie nicht glücklich sein können,
wegen der Haie im Wasser.

Ich bin unruhig, meine Freunde,
wegen der Frauen,
deren Männer im Krieg gefallen sind,
und wegen mir selbst,
weil ich diese schöne Welt nicht
von ihren Problemen retten kann.

Ich bin unruhig,
ich bin noch immer unruhig,
meine Freunde.


Salzburg, August 2012
Ferhad Haydari ist Asylwerber aus Afghanistan und lebt seit zwei Jahren in Salzburg.

Qaaxooti  -  FLÜCHTLING

von Abdullahi A. Osman


Oh Mensch,
niemand flüchtet freiwillig
aus seiner Heimat,
denn Flüchten heißt,
vor dem Strick des Henkers zu fliehen.
Der Grund, das Risiko,
das bis zum Hals steht.
Jemanden, der die bittere
Entscheidung treffen musste,
seine Familie und Freunde und alles,
was ihm kostbar ist, hinter sich zu lassen
um nur mit dem nackten Leben
in die Ungewissheit,
in einen anderen Erdteil zu reisen,
wo er fremd ist
und nicht einen einzigen Menschen kennt
nur in der Hoffnung,
noch ein paar weitere Tage
zu leben und die Sonne zu sehen.

Sollte man diesen Menschen verachten,
ins Abseits drängen und jeden Morgen
mit neuen Paragraphen bedrohen
ihm vielleicht ein paar Tage Frühstück,
Abendessen und einen Schlafplatz geben
um ihn dann seinem Henker auszuliefern?

Sein Bedürfnis ist mehr als Brot
und eine warme Decke.
Die Not soll die Menschenwürde
nicht verdrängen.
Flüchtling zu sein,
macht weder froh noch stolz
Es ist ein Schicksal,
das deinen Körper und deine Seele erfasst,
gegen das du dich nicht wehren
und das du nicht ablehnen kannst.

Die Angst und die Fragen
lassen den Flüchtling nicht
zur Ruhe kommen
und den Gedanken nicht vertreiben:
Wann werde ich festgenommen
und zurückgeschoben?
Die Verzweiflung raubt ihm den Schlaf.
Schmerz und Albträume
nagen an seiner Seele,
so dass ihm keine Speise schmeckt
und sein Hunger nicht gestillt werden kann.

Wenn er die Chance bekommt,
sein Brot aus eigener Kraft zu verdienen,
wird es ihn sättigen
und zufriedener machen
als Almosen und Abhängigkeit.
Erst dann kann er seine Zukunft planen
und in Freiheit und Würde leben.

Freunde, bei Euch haben
die Flüchtlinge Schutz gesucht,
weil ihr in Wohlstand und Sicherheit lebt
und in Eurem Land Frieden herrscht.
Ihr sollt die Schutzsuchenden
nicht verabscheuen, ignorieren oder
ihre menschliche Würde verletzen,
sondern ihnen mit Menschlichkeit
und Respekt begegnen.

Ihr Flüchtlinge, wenn Eure Hoffnungen
heute nicht erfüllt werden,
verzweifelt nicht und gebt nicht auf,
denn das Leben wird nicht immer
so traurig sein.
Seid gewiss, die schönen Tage
werden wieder kommen
und ihr werdet wieder lachen!